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BSI-Standard 200-4 (Business Continuity Management) (BSI 200-4)

Definition

Der BSI-Standard 200-4 ist ein Standard des BSI für den Aufbau eines Business Continuity Management Systems (BCMS), mit dem zeitkritische Geschäftsprozesse einen Ausfall überstehen. Maßgeblich ist Version 1.0 vom Mai 2023; sie löst den BSI-Standard 100-4 ab und erlaubt den Aufbau in drei Stufen bis zum Standard-BCMS, das nach dem Standard konform zu ISO 22301:2019 ist.

ISMS
Von Muhammad Haseeb, Co-Founder & CTOFachlich geprüft von Masar Hetemi, Co-Founder & CEO
Zuletzt geprüft:

Was regelt der BSI-Standard 200-4?

Der BSI-Standard 200-4 beschreibt, wie eine Organisation dafür sorgt, dass zeitkritische Geschäftsprozesse bei einem Ausfall von Personal, Gebäuden, IT oder Dienstleistern weiterlaufen oder rechtzeitig wieder anlaufen. Er löst den BSI-Standard 100-4 zum Notfallmanagement ab. Maßgeblich ist Version 1.0 vom Mai 2023. Ausgangspunkt sind die Geschäftsprozesse; ein IT-Wiederanlaufplan ist eines der Ergebnisse des Business Continuity Managements.

Als BSI-Standard ist er rechtlich nicht verbindlich. Er ist eine Möglichkeit, Pflichten zur Kontinuitätsvorsorge umzusetzen, etwa die Aufrechterhaltung des Betriebs nach § 30 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 BSIG für besonders wichtige und wichtige Einrichtungen. Nach § 28 Abs. 6 BSIG gilt § 30 nicht für Finanzunternehmen nach DORA, für die Artikel 11 DORA die Kontinuität regelt. Nach Abs. 5 gilt § 30 grundsätzlich nicht für Telekommunikationsanbieter und Energieanlagen unter den §§ 5c bis 5e EnWG.

Wie ein BCMS Schritt für Schritt entsteht, beschreibt der Ratgeber BCMS aufbauen.

Das Stufenmodell: drei Stufen

Der Standard sieht drei Ausbaustufen vor.

StufeUmfangWofür sie gedacht ist
Reaktiv-BCMSnur ausgewählte zeitkritische Geschäftsprozesse und Ressourcen, abgesichert mit vorhandenen Mitteln oder kleineren Investitionenschnell auf Notfälle reagieren können; stark vereinfachte Einstiegsstufe, die nach einem BCM-Zyklus zum Aufbau- oder Standard-BCMS weiterzuentwickeln ist
Aufbau-BCMSein eingeschränkter Umfang an Geschäftsprozessen, gewählt so, dass möglichst viele der zeitkritischsten darin liegenEinstieg mit begrenzten Ressourcen
Standard-BCMSalle Geschäftsprozesse im Geltungsbereichvollständiges BCMS; nach dem Standard konform zu ISO 22301:2019

Die Kennzahlen der Business-Impact-Analyse

Die Business-Impact-Analyse bestimmt, welche Geschäftsprozesse zeitkritisch sind und wie schnell ihre Ressourcen wieder verfügbar sein müssen. Der Standard verwendet diese Kenngrößen:

KenngrößeDeutschBedeutung
MTPDmaximal tolerierbare Ausfallzeit (MTA)wie lange ein Geschäftsprozess höchstens ausfallen darf, bevor nicht tolerierbare Auswirkungen eintreten
RTOgeforderte Wiederanlaufzeit (WAZ)Zeitraum vom Ausrufen des Notfalls bis zur geforderten Inbetriebnahme der Notfalllösung; für Prozesse und Ressourcen
RPOmaximal zulässiger Datenverlustwie alt verfügbare Daten höchstens sein dürfen; daraus folgt der Datensicherungszyklus
MBCONotbetriebsniveauwie leistungsfähig der Notbetrieb sein soll
RTAtatsächliche Wiederanlaufzeitreal erreichbarer Zeitraum ab Ausruf des Notfalls bis zur produktiven Notfalllösung einer Ressource

Die RTO muss nach dem Standard zwingend kürzer sein als die MTPD, weil die Reaktionszeit bis zum Ausrufen des Notfalls von der MTPD abgezogen wird. Diese BAO-Reaktionszeit reicht vom Erkennen und Alarmieren über das Zusammentreten der besonderen Aufbauorganisation bis zur Entscheidung; der Standard empfiehlt, sie zentral festzulegen und einen zeitlichen Puffer einzuplanen.

Rechenbeispiel: geforderte und tatsächliche Wiederanlaufzeit

Beispiel (fiktiv): Die Zahlen sind frei gewählt und dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Die Auftragsannahme eines Großhändlers darf höchstens 24 Stunden ausfallen (MTPD). Die BAO-Reaktionszeit ist zentral auf 4 Stunden festgelegt, der Puffer auf 2 Stunden.

SchrittRechnungErgebnis
RTO des Prozesses24 h − 4 h Reaktionszeit − 2 h Pufferhöchstens 18 h
RTO der Ressource ERP-Systemübernimmt die Vorgabe des Prozesseshöchstens 18 h
RTA des ERP-Systemsgemessen in der letzten Wiederherstellungsübung: Rücksicherung und Test22 h
Soll-Ist-Vergleich22 h RTA gegen 18 h RTOLücke von 4 h

Die Lücke ist eine Entscheidung für die Leitung. Sie kann die RTA senken lassen, etwa durch eine Ersatzumgebung, die nicht erst aufgebaut werden muss, oder einen Notbetrieb ohne ERP vorsehen, der die Auftragsannahme für die Differenz trägt. Nutzen mehrere Prozesse dasselbe System, gilt für das System die kürzeste RTO aller abhängigen Prozesse. Liegen noch keine Übungsergebnisse vor, lässt der Standard eine realistische Schätzung der RTA durch eine fachkundige Person zu; ersetzen Sie sie durch den in einer Übung gemessenen Wert, sobald er vorliegt.

Verhältnis zu ISO 22301 und zur Zertifizierung

Nach dem Standard ist das Standard-BCMS konform zu ISO 22301:2019; mit einem vollständig umgesetzten Standard-BCMS kann eine Organisation die Reife für eine Zertifizierung nach ISO 22301 erreichen. Ein Anforderungskatalog mit allen MUSS- und SOLLTE-Anforderungen des Standard-BCMS enthält dafür ein Mapping auf ISO 22301:2019.

Eine Zertifizierung nach dem BSI-Standard 200-4 selbst ist laut der Seite des BSI zum Standard derzeit noch nicht geplant (Stand: Oktober 2026). Zertifiziert wird nach ISO 22301.

Der Standard lässt sich ohne ISMS einführen. Wo eines besteht, liefern Prozess- und Asset-Inventar und die Einstufung der Verfügbarkeit direkte Eingaben für die Business-Impact-Analyse. Wie ein ISMS aufgebaut wird, zeigt der Ratgeber ISMS einführen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen BSI 200-4 und BSI 100-4?

Der BSI-Standard 200-4 löst den Standard 100-4 zum Notfallmanagement ab. Er wurde auf Basis des 100-4 neu konzipiert und an ISO 22301:2019 angepasst. Neu sind laut Änderungshistorie unter anderem das Stufenmodell aus Reaktiv-, Aufbau- und Standard-BCMS, die Prozessschritte BIA-Vorfilter und Soll-Ist-Vergleich und seit Version 1.0 die BAO-Reaktionszeit.

Mit welcher Stufe sollte man beginnen?

Nach dem Standard eignet sich das Reaktiv-BCMS für den Einstieg, sofern keine regulatorischen Anforderungen dagegensprechen. Einen Einstieg mit Aufbau- oder Standard-BCMS empfiehlt er, wenn gesetzliche Anforderungen die zeitnahe Absicherung aller betroffenen Prozesse verlangen oder bereits ein BCMS nach 100-4 oder ISO 22301 besteht. Dasselbe gilt bei Erfahrung mit einem Managementsystem wie einem ISMS oder bei genügend erfahrenem Personal. Ziel bleibt das Standard-BCMS.

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Muhammad Haseeb

Über den Autor

Muhammad Haseeb

Co-Founder & CTO

15 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von Softwaresystemen, verantwortlich für alle technischen Aspekte von Rizzqo.

LinkedIn

Fachlich geprüft von Masar Hetemi, Co-Founder & CEO. 15 Jahre Erfahrung in Compliance, verantwortlich für Governance, Risk und Compliance (GRC) bei Rizzqo.